Karl Siegfried Bader Schule Prechtal
Wettbewerb 2024
BESTANDSERHALT ODER NEUBAU?
Die Entscheidung das Bestandsgebäude B zurückzubauen ist uns nach sorgfältiger Abwägung nicht leichtgefallen. Auch wenn es heute aus Gründen der Nachhhaltigkeit politisch nicht gerne konstatiert wird, existieren tatsächlich bauliche Strukturen, die sich einer Umnutzung allein aufgrund der Tatsache widersetzen, dass ihre Substanz ursprünglich lediglich auf einen spezifischen Zweck, in unserem Fall für den Typus einer Flurschule, optimiert wurde. Da die Rohbaustruktur weder die heutigen Anforderungen an moderne offene Schulraumkonzepte erfüllen, noch den Imperativen des konstruktiven Brandschutzes, der Erdbebensicherheit oder Bauphysik genügen, gehören Abrissmaßnahmen zum zwangsläufigen Repertoire um die Revitalisierung des Ortes zu gewährleisten. Für einen Erhalt spricht im Normalfall zuallererst, dass das Vorgefundene sich nicht in einer zu großen Diskrepanz zu den gewünschten zeitgemäßen Nutzungsanforderungen abbildet. Leider befindet sich die ursprüngliche Substanz in einer fragilen Konstitution, welche nur auf einen speziellen funktionalen Sonderfall mit einer spezifischen Nutzung und konstruktiver Struktur optimiert wurde. Das Bestandsgebäude ist für den notwendigen Bestimmungswechsel in seiner Gebäudestruktur räumlich und konstruktiv nicht robust genug - schlicht unterdimensioniert - und damit in seiner Adabtionsfähigkeit für Neue Lernkonzepte und künftig anderweitige Nutzungen und Konzepte ungeeignet. In zu Ende gedachter Konsequenz würde ein Erhalt bedeuten, die Grundkonzeption mit all seinen zweifelhaften Ansätzen fortzuführen und dadurch eine nachhaltige, auf lange Sicht betrachtete Entwicklung zu verhindern. Ein „weiter so“ würde weder dem modernen Ansatz einer „Clusterschule“, noch der städtebaulichen Typologie der ruralen Dorfstruktur mit seinen frei stehenden Häusern gerecht werden.
BERGKRISTALL
Die neue Schule fügt sich organisch in die bestehende Topografie ein, ähnlich einer gewachsenen Struktur eines Bergkristalles. Die kompakte fünfeckige Grundrissfigur entwickelt sich sowohl aus dem Rücksichtnahmegebot zu den Nachbargebäuden als auch aus der zentrierten Grundrisstypologie einer Clusterschule mit innenliegender Treppenhalle. Wie bei einer Kippfigur ergibt sich die Kubatur aus den Bedingungen des Ortes durch den fluktuierenden Wechsel der architektonischen Grundpositionen zwischen räumlich und körperhaft. Diese dualistische Raumvorstellung ermöglicht Pluralität, Komplexität und Widerspruch als Ausdruck einer ganzheitlichen Sichtweise, die kein ”entweder -oder“ kennt. Stattdessen ist in dieser Disposition die Möglichkeit eröffnet, in Begriffen eines ”sowohl -als -auch“ zu denken und zu arbeiten. Der Zwischenraum ist also als machtvoller Zwischenraum mit vielfältigen Adaptionsmöglichkeiten konzipiert und verweist eindeutig auf die benachbarten Räume, die sein morphologisches Gegengewicht bilden. Raumverdrängende und raumdefinierende Aspekte generieren eine im dörflichen Kontext sehr angemessene Figur, die durch ihre gebrochene Kantengeometrie aus Fußgängersicht wesentlich schlanker erscheint als sie eigentlich ist.
SOCKEL UND AUFBAU
Zur Belichtung und Belüftung des Untergeschosses werden zwei halböffentliche, intime Höfe angeordnet, welche von Umfassungsmauern zur Straße und zum Nachbar hin eingefasst werden und auch als „Freiluftklassen“ genutzt werden können. Das Erdgeschoss bildet zusammen mit der tieferliegenden Struktur einen steinernen Sockel, auf welchem die „eigentliche“ Schule als leichter Holzkörper aufgesetzt wird. Das alte Schulgebäude mit seinem ebenfalls abgesetzten Sockelbereich wird in das Ensemble optisch mit eingebunden. In der Fern- und Silhouettenwirkung korrespondiert der hölzerne Aufbau mit den hoch aufragenden Dachformen der bestehenden Schule und des Rathauses.
NEUBAU SCHULE
Das neue Schulgebäude vermittelt durch seine offene Treppenhalle mit natürlich belichtetem Atrium ein offenes und kommunikatives Haus. In Verlängerung des oberen Plateaus befinden sich die Gemeinschaftsräume und öffentlich nutzbaren Räume wie Auditorium und Mensa. Auf unterstem Niveau, auf etwa gleicher Ebene des Altbaus, befinden sich die Ganztagseinrichtungen mit zugehörigen Außenbereichen für Sport und Spiel. Das Atrium kann (ohne brandschutztechnische Einschränkungen) für schulische Zwecke oder für den Pausenaufenthalt genutzt werden. In den obersten 3 Etagen sind die Klassenräume, mit jeweils einem Zug pro Etage, kompakt übereinandergestapelt. Zwischen den Klassenräumen wird übereinstimmend ein Differenzierungsraum mit Verbindungstüren angeordnet. Die Lerninseln sind in südlicher Ausrichtung zum Platz hin orientiert und vom Atrium über eine Glaswand direkt einsehbar. Die Garderobenschränke befinden sich vor den Klassenzimmern am Erschließungsgang im Atrium.
KONSTRUKTION UND MATERIALITÄT
Der Neubau ist in Mischbauweise konzipiert, wobei die tiefliegenden Bauteile bis zum Sockel sowie die Treppenhalle in Stahlbeton ausgeführt werden. Basis der Fassadenkonstruktion ist ein in Rahmenbauweise konzipiertes Aussenwandtragwerk, welches aus im Werk vorgefertigten Holzrahmen besteht, die geschossweise montiert, beidseitig beplankt und schließlich ausgedämmt werden. Die Deckenkonstruktion wird aus vorgefertigten CLT-Holzverbundbauteilen mit Aufbeton hergestellt. Diese hybride Bauweise ermöglicht es, die Vorteile des Holzbaus hinsichtlich Nachhaltigkeit und gestärkter lokaler Handwerkstradition mit den Anforderungen an Brand-, Feuchte- und Schallschutz sowie die Vorteile einer thermisch trägen Konstruktion durch Speichermasse schlüssig zu verbinden. Dabei bietet der ein- bis zweigeschossig umlaufende Sichtbetonsockel Schutz vor Bodennässe und hält der mechanischen Beanspruchung im Bereich der Pausenflächen langfristig stand. Die Holzschalung der Fassade in den Obergeschossen altert in Würde und schützt in ortstypisch bewährter Art und Weise jahrzehntelang unterhaltsfrei vor Wind und Wetter. Die grossflächig verglasten Lärchenholzfenster sind nahezu wandmittig angeordnet und schaffen im Zusammenspiel mit einer vor dem Fenster angeordneten, Regal-Bank in Sitzhöhe Platz zum Sitzen. Die innenseitig angeschlagenen, schmalen Öffnungsflügel ermöglichen eine temporäre Stosslüftung. Aussenliegende Stoffstoren, die im Sturzbereich der Fenster untergebracht sind, sorgen für den erforderlichen Sonnenschutz, ohne den Räumen natürliches Licht und Ausblick zu nehmen.
NACHHALTIGKEIT
Wir halten es für sinnvoll, eine Architektur zu entwickeln, die den Bau selbst zum Mittelpunkt aller Nachhaltigkeitsbestrebungen macht. Neben hochwertigen, möglichst natürlichen Materialien und einer zeitlosen Gestaltung, ist es ökologisch wie ökonomisch sinnvoll so zu planen, dass ein Gebäude durch Interpretierbarkeit, Anpassbarkeit und die Möglichkeit für Erweiterungen für lange Zeit nutzbar bleibt. Die robuste Grundstruktur des Gebäudes ist auf eine möglichst lange Nutzungsdauer angelegt. Materialien eigenschaftsoptimal zu nutzen ist ein wichtiger Imperativ im Umgang mit den baulichen und natürlichen Ressourcen. Wir planen stets recyclinggerechte Konstruktionsweisen und verwenden möglichst keine Verbundwerkstoffe. Wo möglich werden natürliche Materialien aus der Region eingesetzt. Wir priorisieren den konstruktiven Einsatz von Holz, um den CO2-Fußabdruck zu minimieren. Die Installation der technischen Gebäudeausrüstung ist einfach gehalten und erfolgt losgelöst von der Gebäudearchitektur. Passive Nachhaltigkeitsmaßnahmen zu priorisieren macht an vielen Stellen aufwendige technische Installationen überflüssig.
Auslober: Stadt Elzach
Architekt: Moeller Soydan Architektur
Landschaft: Atelier 8 Berlin Landschaftsplanung
Brandschutz: KLW-Ingenieure GmbH
Standort: Schrahöfe Ortsteil Prechtal